Andreas Zimmermann Malerei
© Andreas Zimmermann, Frankfurt (Oder) - 08. Oktober 2017

Manifestes zur

Negation der Harmonie

Vorbemerkung
Die Moderne in der Malerei begann mit dem Ende der Malerei. Ein geflügeltes Wort und anerkannte Wahrheit. Fotografie und Film, also Formen technischer Reproduk- tion, entzogen dem Malenden zum Anfang des 20. Jahr- hunderts den Hauptbestandteil seiner Professur. Bis dahin war klar, dass das, was ein Bild ausmacht, die weitgehende Interpretation einer Vorlage sein durfte. In dem Umfang, wie die fotografische Wiedergabemöglichkeit
sich vervollkommnete, verschwand die Notwendigkeit mit der Malerei Abbilder des Sichtbaren zu schaffen. Die Implosion des Gemäldes Anfang der 20er Jahre zur monochromen Fläche bereitete dann endgültig die Grundlage zum Neuanfang. Es entwickelte sich eine permanente Suche nach dem Was und dem Wie zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Semantik und der Verweigerung jedweder Bedeutungsschwere.
Der Hintergrund
Autonomie und völlige Unabhängigkeit sind utopische Vorstellungen jenseits der erlebbaren Realität. Gleiches gilt für die Harmonie. Partiell gibt es Harmonien millionenfach. Doch selten bleiben diese Zustände über einen längeren Zeitraum bestehen. Jede einzelne Harmonie wird beim Aufeinandertreffen mit anderen Harmonien zur Ausein- andersetzung gezwungen. Es entwickeln sich Konflikte, die im permanenten Widerstreit der Werte, Weltanschauungen, Religionen und Kulturen ihren Ausdruck finden. Ein eindeutiges "JA" bedeutet immer auch ein "NEIN" gegenüber der möglichen Alternative. Akzeptiert man, dass Gegensätze und Brüche gegenüber der Harmonie und Geschlossenheit ein strukturelles Übergewicht besitzen, wird der molekulare Kern erfasst, der für die zukünftige Entwicklung von substanziellem Interesse ist. Sichtbar werden diese komplexen, widerspruchsvollen Zusammenhänge aber erst, wenn es gelingt, sie auch darzustellen. Das bedeutet zunächst, die bisherigen Wertmaßstäbe auf den Prüfstand zu stellen oder zumin- dest neu zu hinterfragen. Einzig der Sinngehalt einer dargestellten Thematik kann
zum Maßstab der Betrachtung herhalten, nicht etwa die mögliche Geschlossenheit der Darstellung und die künstle- risch-handwerkliche Vollkommenheit. Das kann zum völligen Bruch mit bisherigen Wahrheiten führen, wenn er dem einzelnen Werk seine Bedeutung gibt (muss aber nicht). Konsequenz hieraus ist, dass jedwede Form und Kombination von Inhalten, Handschriften oder Ausdrucks- mitteln möglich, ja in gewisser Weise notwendig ist. Im Irrsinn versteckt sich das Genie und am Ende der Erkenntnis lauert ein Schwarzes Loch. Strukturen begleiten sich und bedingen einander in der Art, wie die Beachtung der Gesetze der Statik dem Gebäude seine Form erhält oder die Gravitation die Planeten auf Umlaufbahnen um die Sonne zwingt. Abstraktion und Realität, Harmonie und Widersprüchlichkeit sind nur dann in ihrer Bedeutung wahrnehmbar, wenn sie sich an ihren Gegensätzen reiben können. Alles bleibt in ständiger Bewegung. Nichts ist endgültig. Was kommt, ist da und wird wieder vergehen. Das, was uns umgibt, ist unendlich variabel und bleibt niemals singulär. Gelingt es, dies sichtbar werden zu lassen, dann kann Komplexismus daraus entstehen.
Das Modell
Der Gedanke des Komplexismus in der Kunst ist nicht neu. In der Musik gibt es Komplexismus seit rund 20 Jahren. Ulrich R. Haltern (Humboldt-Universität) schreibt dazu in seinem Aufsatz "Polyphonie und Komplexismus, gesell- schaftliche Differenzierung und Rechtsprechungsminima- lismus" (Musik (und Recht) heute, HFR 1999, Beitrag 9, Seite 8) zur Definition: "Komplexismus kann als direkte (und potenzierte) Umsetzung polyphonen Denkens ange- sehen werden, ja als "Polyphonie von Polyphonien" (Boulez). Mahnkopf - selbst Komponist und sich dem Kom- plexismus zurechnend - nimmt eine Definition von Poly- phonie als Ausgangspunkt, nach der diese "Dissoziation der musikalischen Diskursivität" ist. Von der Polyphonie (als Dissoziation der musikalischen Linien) ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Polymorphie (als Dissoziation der Gestalten, etwa der Gesten, Motive und Themen) und schließlich zur Polyprozessualität (als Dissoziation der die polymorphen Linien verzeitlichenden Prozesse). Doch nicht genug der Polyismen: Hinzu kommen neben diesen "traditionellen" Dissoziationsmodi noch Polyvektorialität (eine Vorbereitung von Kompositionsmaterial nach unter- schiedlichen Techniken), Polykonzeptualität (Dissoziation des das individuelle Werk konstituierenden Konzepts) und schließlich Poly-Werk (als Dissoziation des in sich geschlos- senen und integralen Werks - man kennt dies bereits aus dem 14. und 15. Streichquartett Milhauds, die sowohl einzeln als simultan, nämlich als Oktett, aufführbar sind). Komplexismus verbindet sich insbesondere mit dem Na- men Brian Ferneyhough, daneben etwa mit seinen Schülern Klaus K. Hübler und Frank Cox. Am auffallendsten am Komplexismus dürfte die äußerst komplizierte Notation sein, die an den Interpreten die allergrößten Schwierig- keiten stellt. Die einzelnen Spielvorgänge selbst sind poly- phonisiert. Für ein Instrument - etwa die Flöte, also ein Instrument, das nur einen Ton gleichzeitig spielen kann - existieren gleich eine ganze Reihe von Notensystemen.
Das Notenbild bedarf für die diversen parametrischen Ebenen der Spielmotorik mehrerer Systeme, weil die auseinandergenommenen Spielaktionen bezeichnet werden müssen: Etwa Vibratostärke, Atem- oder Klapper- geräusche, Fingerperkussion auf dem Instrumentenkörper oder dem Griffbrett, Bogenort und -geschwindigkeit, Dauer, Stärke und Rhythmik von Bogenvibrato, Finger- aktionen und -druck, natürlich auch Dynamik, Tonhöhe und Tonlängen usw. Die immense Kompliziertheit betrifft sowohl die Rhythmik als auch die technischen Anforde- rungen. Zugleich entsteht durch die Notation eine Art "Augenmusik", die eine visuelle Vorstellung vom klanglichen Ergebnis ermöglicht." Beide Herangehensweisen (Musik und Bildende Kunst) haben eine große Gemeinsamkeit - sie gehen von Formen universeller Verflechtung aus. Zeitliche und räumliche Vorgänge treffen aufeinander, verschmelzen und lassen schließlich neue Formen entstehen. Es geschieht per zufälligem Aufeinandertreffen oder auch planvoll konstru- iert. Die Formenvielfalt des Komplexismus in der Bildenden Kunst ist jedoch noch größer als in der Musik, da neben der visuellen Wahrnehmung weitere Sinne angesprochen werden können. Möglich ist dies in direkter oder indirekter Weise. Indem man komplexe Gedankengänge in einer Arbeit vereint, entstehen Werke des direkten Komplexis- mus. Werden einzelne Arbeiten mit anderen Arbeiten derart in Beziehung gebracht, dass sie als Gesamtwerk anzusehen sind, entsteht indirekte komplexistische Kunst.  All das allein reicht aber nicht aus, um wirklich komplexis- tisch zu sein. Kaum eine Wahrheit ist derart absolut, dass sie sich nicht irgendwann ins Gegenteil verkehrt. Der Faktor Zeit spielt deshalb eine herausragende Rolle. Erst wenn es gelingt, substanzielle Bestandteile und zeit- liche Prozesse als Einheit darzustellen, entsteht KOMPLEXISMUS.
Andreas Zimmermann Frankfurt (Oder), 19.10.2005